Reportage - volkschor-magdeburg

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Reportage

Berichte > 2019
Tobias Godenberg, Student im Studiengang Journalismus, FH Magdeburg-Stendal 
01.12.2019
Reportage zum Thema : Macht Singen im Chor glücklich
„Wo man singt, da laß’ dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder.“

Außen ist es kalt und dunkel. Leichter Nieselregen zieht wie eine dichte Nebelwolke durch das Buckauer Viertel im Süden Magdeburgs. Die Laternen leuchten mit warmem Licht und hüllen den Anblick der Straße in eine vorweihnachtliche Umgebung. Die Adventszeit steht vor der Tür und so langsam bahnt sich der Winter an. Vor der Tür des Buckauer Volksbades erinnert nichts mehr an die damalige Zeit, als das Volksbad noch tatsächlich eines war. Früher versammelten sich hier viele Anwohner verschiedenen Alters. Das öffentliche Gebäude diente vielen, die ohne fließend Wasser in der eigenen Wohnung auskommen mussten, sich vom Schmutz des Alltages zu reinigen. Heute, über 25 Jahre nach dem Umbau, ist aus dem damaligen Bad ein Kulturzentrum geworden.

Gleich nach der Eingangstür erwartet einen eine steile Steintreppe. Jede Treppenstufe, die man steigt, wirkt fast so, als werde man schon direkt beim Betreten des Gebäudes Stufe für Stufe vom Stress des Lebens, mit all seinen Ängsten und Sorgen, enthoben. Die Wände sind bunt gestrichen und verziert mit den verschiedensten Kunstwerken. In der Luft liegt ein Geruch von frischgebrühtem Kaffee. Gepaart mit wohlwollender Temperatur und hellem Licht, fühlt man sich sehr willkommen und fast schon ein bisschen heimlich. Aus der großen Türe in der Mitte des Ganges kommt ein harmonisch klingender Gesang: Der Volkschor Magdeburg probt für die anstehenden Auftritte.

Achtundvierzig Chorsängerinnen und Chorsänger, meist über 70 Jahre alt, zählt der ehrenamtlich geführte Verein. Viele von ihnen sind Frauen. So, wie auch Brigitte Pichler. Sie kam zum Volkschor über eine Annonce in der Zeitung. Doch schon in jungen Jahren war sie im Schulchor aktiv. Die Liebe zum Singen begleitet sie schon ihr gesamtes Leben. Ein Grund auch, weshalb sie die Begeisterung zur Musik ihrer Tochter weitergegeben hat. Die Tochter sei es auch gewesen, die sie wieder zum Singen gebracht hat. Eine Entscheidung, die sie nicht bereut. Denn neben dem gemeinsamen Singen ist vor allem der Zusammenhalt ein wichtiger Faktor. „Viele hier haben ihren Partner verloren und suchen in der Einsamkeit wieder Anschluss. Einige vermissen in der Rente auch das Gefühl gebraucht zu werden, und das wird hier einem gegeben“. Ihre Augen leuchten, als sie es sagt. Ein liebevolles Lächeln ziert ihr Gesicht. Man spürt sofort, wie herzlich alle miteinander umgehen. Jeder hat ein offenes Ohr für den anderen. Kein Verein also, der für viele einzelne Gruppen steht. Nein, dieser Verein steht für das pure Gemeinschaftsgefühl. Ein Gefühl, welches hilft über schwere Zeiten hinwegzukommen. Zeiten, in denen man den Boden unter den Füßen weggezogen bekommt, und hilflos umhertaumelt. Diese Zeit durchlebte Antje Wagner. Sie ist im letzten Jahr zum Chor gekommen. Nach ihrer Brustkrebserkrankung und der langwierigen Chemotherapie war sie auf der Suche nach Unterstützung in ihrer Genesungsphase. „Musik ist Therapie, Musik bewirkt etwas Positives“, sagt sie davon überzeugt. Sie selbst erfährt das jedes Mal. Die 43-jährige hat als Folge der Bestrahlung oft Schmerzen. Während des Singens im Chor werden diese weniger oder sind kaum noch spürbar. Auch gebe ihr der Chor Halt, in dem ihr alle große Wertschätzung entgegenbringen.

Nach einer kleinen Pause geht es wieder weiter. Alle gehen durch die große Tür im Eingang und setzten sich auf ihren Platz. Der Raum hat hohe Decken. Vorne befindet sich eine kleine Bühne. Auf ihr ein Keyboard. Auf der langen Seite des Raumes befinden sich die einzigen Fenster. Sie sind groß. Durch die Dunkelheit außen, kommt aber nicht viel Licht hinein. Einzig und allein die Straßenlaternen lassen etwas auf dem Gehweg vor dem Haus erkennen, jedoch nur Umrisse. Die Scheiben in der Eingangstür sind mit schwarzer Folie verklebt. Es wirkt fast so, als wolle man sich für die Zeit der Probe von der Außenwelt abkapseln. Die Chorleiterin steht in der Mitte und stimmt das erste Lied an. Mit den Händen wippt sie im Takt.
Ihre Augen sind weit geöffnet und in die Richtung der Sopranstimmen gerichtet. Mit einem Fingerzeig deutet sie ihnen an zu beginnen. „Kling, Glöckchen, klingelingeling, kling, Glöckchen, kling“, singen sie, bis nach und nach alle Teile des vierstimmigen Chors in unterschiedlicher Lautstärke und Betonung das Weihnachtslied zum Besten geben. Manch einem kann man die Konzentration im Gesicht ablesen. Fokussiert auf den in den Händen haltenden Liedordner. Andere hingegen sitzen fröhlich lächelnd und um sich blickend auf ihrem Platz. Manchmal singt nur eine Chorstimme, ein anderes Mal singen alle im Kanon. Ein lebendiges und abwechslungsreiches Miteinander. Schnell zieht einen diese Energie in seinen Bann. Und ehe man sich versieht, trällert man selbst die von der Kindheit noch bekannten Strophen mit. Schnell empfindet man das Gefühl, was so viele beim Singen verspüren. Für einen kurzen Augenblick spielen Zeit und Ort keine Rolle. Man wird Teil eines großen Ganzen und verschmilzt mit allen Beteiligten. Alle lachen und haben Spaß an der gemeinsamen Leidenschaft.

Zum Ende hin stehen alle von ihren Stühlen auf und bilden einen großen Kreis. Sie reichen sich die Hände und fangen an zu singen. „Guten Abend, gute Nacht“ und „Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt“. Als diese Worte fallen, blicken sich alle Anwesenden in die Augen. So, als ob man sein Gegenüber nochmal tief ins Gedächtnis einprägen möchte. Ein anfangs etwas bedrückender Moment, der jedoch gleich durch einen etwas festeren Händedruck und dem nachfolgenden freundlichen Blick wieder aufatmen lässt. Das Lied endet. Alle packen ihre Sachen und verlassen zügig den Raum. Um 19 Uhr schließt das Kulturzentrum und man habe schon überzogen, heißt es. Vom Gang hört man noch Gespräche und Gelächter, bis die Türe schließt.
 
 
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